Gegenargumente
Die Aussenwerbeindustrie verfügt über viel Geld und nutzt ihre Verfügungsmacht über Werbeflächen direkt, um gegen uns Stimmung zu machen. Hier gehen wir auf ihre wichtigsten Argumente ein.
«Plakate zeigen, was läuft»
Plakate zeigen den Menschen, was in der Stadt läuft – welche Konzerte, welche Angebote es gibt.
**Nicht Werbung informiert die Bevölkerung – Menschen, Kultur und Demokratie tun es**
Ein grosser Teil der Plakatflächen wird heute von kommerziellen Akteuren belegt. Die Frage ist deshalb nicht, ob Information im öffentlichen Raum sichtbar sein soll, sondern welche Art von Information wir dort priorisieren wollen.
«KMU und NGOs machen 63 % der Plakatkunden aus»
KMU und NGOs machen laut Studien 63 % der Plakatkund:innen aus – ein Werbeverbot würde vor allem sie treffen.
**Wir machen eine Ausnahme genau für Kultur, Demokratie und Gemeinwohl**
Die Debatte dreht sich nicht um das Verbot von Kulturplakaten, Vereinsinformationen oder politischen Botschaften – sie richtet sich gezielt gegen kommerzielle Konsumwerbung. Zudem verfügen Grossunternehmen über weit grössere Werbebudgets als lokale Vereine, die sichtbare Präsenz im Stadtraum ist daher keineswegs gleich verteilt.
«Plakate sind ein Eckpfeiler der Demokratie»
Ohne Plakate im öffentlichen Raum verlieren politische Debatten und Abstimmungen an Sichtbarkeit.
**Demokratie braucht Sichtbarkeit – aber nicht Konsumwerbung**
Politische Kampagnen, Abstimmungen, Initiativen und zivilgesellschaftliche Anliegen sollen weiterhin sichtbar bleiben – die Meinungsfreiheit hängt nicht davon ab, ob Sneakers, SUVs oder Softdrinks auf Plakatflächen beworben werden. Im Gegenteil: Demokratie wird gestärkt, wenn öffentliche Flächen für gesellschaftliche Debatten statt für Konsumanreize reserviert werden.
«Plakate erreichen alle und schaffen keine Filterblasen»
Anders als personalisierte Online-Werbung erreichen Plakate alle Menschen gleichermassen und schaffen keine Filterblasen.
**Werbefrei heisst nicht informationsfrei**
Die Alternative zu kommerzieller Werbung ist nicht Leere, sondern gemeinwohlorientierte Information. Kulturplakate, Nachbarschaftsinformationen, öffentliche Kommunikation, Kunstinstallationen oder partizipativ gestaltete Flächen erreichen ebenfalls alle Menschen – und das ohne Kaufdruck.
«Plakate zahlen sich für die Schweiz aus»
Die Werbebranche generiert erhebliche Einnahmen für die Schweiz – auch für die öffentliche Hand.
**Nicht jeder wirtschaftliche Nutzen rechtfertigt die Nutzung des öffentlichen Raums**
Auch andere Tätigkeiten generieren Einnahmen, und trotzdem regulieren wir sie, wenn sie Gesundheit, Umwelt oder Lebensqualität beeinträchtigen. Die entscheidende Frage lautet nicht «Bringt Werbung Geld?», sondern «Ist die permanente kommerzielle Beeinflussung des öffentlichen Raums im öffentlichen Interesse?».
«Ohne Werbung profitieren Meta, TikTok und Google»
Wird Aussenwerbung eingeschränkt, verlagern sich die Werbebudgets zu US-Tech-Konzernen.
**Die Wahl lautet nicht Plakat oder Meta**
Städte wie Grenoble oder Den Haag zeigen, dass sich kommerzielle Aussenwerbung reduzieren lässt, ohne den öffentlichen Raum an Tech-Konzerne abzugeben. Die Erfahrungen aus europäischen Städten reichen dabei von einzelnen Einschränkungen bis hin zu umfassenden Verboten – die Stadt kann selbst entscheiden, wie sie ihren öffentlichen Raum nutzen will, unabhängig davon, was Social-Media-Konzerne tun.
«Ohne Plakate wären die Fassaden grau»
Werbung bringt Farbe und Leben in die Stadt – ohne sie wären die Fassaden trist und grau.
**Die Alternative zu Werbung ist Schönheit, nicht Grau**
Viele Menschen verwechseln Werbung mit Urbanität – dabei entsteht eine lebendige Stadt nicht durch Konsumanreize, sondern durch Menschen, Grünräume, Kultur, Begegnung und Kunst. Grenoble hat viele Werbeflächen durch Bäume und öffentliche Informationsflächen ersetzt, andere Städte nutzen sie für Kultur, Orientierung oder lokale Projekte.
«Plakate sind Kulturgut»
Plakate haben eine lange kulturelle und künstlerische Tradition – in Zürich gibt es sogar ein Plakatmuseum.
**Kultur gehört auf die Strasse – Werbung nicht unbedingt**
Man kann durchaus anerkennen, dass historische Plakatkunst einen kulturellen Wert hat. Doch eine Regulierung von kommerzieller Werbung verhindert weder Kulturplakate, noch Kunst, noch die kreative Gestaltung des Stadtraums – im Gegenteil, sie schafft dafür mehr Raum.
«Plakate haben den kleinsten CO₂-Fussabdruck aller Werbemittel»
Aussenwerbung sei das ressourcenschonendste Werbemittel – noch klimafreundlicher als Online-Werbung.
**Das Problem ist nicht das Plakat – sondern der Konsum, den es auslöst**
Selbst wenn das physische Medium relativ ressourcenschonend produziert ist, entsteht die eigentliche Umweltwirkung von Werbung durch den zusätzlichen Konsum, den sie erzeugt. Studien argumentieren, dass Werbung Konsum normalisiert und steigert und damit indirekt Umweltbelastungen verursacht – ein klimafreundlich gedrucktes Plakat für einen Flug, ein SUV oder Fast Fashion bleibt ökologisch problematisch.
Werbung diene der Information
Wenn wir ein Plakat für ein Konzert sehen, sind wir informiert, dass dieses stattfindet. Werbung ist also ein Informationsdienst.
Natürlich ist es so, dass wenn wir ein Plakat für ein Konzert einer Künstlerin sehen, wir dann informiert sind, dass dieses stattfindet.
Die meiste Werbung dient jedoch nicht der Information, sondern der «Verführung» – mit anderen Worten, es werden bewusst psychologische Tricks angewendet, um uns zu manipulieren. Im Falle kommerzieller Werbung geht es üblicherweise darum, uns zu suggerieren, dass wir erst mit dem Konsum eines kommerziellen Guts oder einer kommerziellen Dienstleistung ein Bedürfnis, etwa Zugehörigkeit, Anerkennung, Harmonie oder Abwechslung, erfüllen könnten. Der nachgewiesene Effekt von Werbung, dass sie uns unzufriedener macht, dürfte darauf zurückzuführen sein, dass die angepriesenen Güter aber keine nachhaltige Erfüllung der Bedürfnisse mit sich bringen.
Eine Regulierung von Werbung führt also nicht zu einem Informationsverlust führen, sondern kann sogar gezielt Raum für demokratische, kulturelle oder soziale Inhalte freispielen. Werbung für **Kultur, öffentliche Informationen und für unkommerzielle Zwecke** darf weiterhin bestehen.
Geld für die öffentliche Hand
Die Stadt Zürich erhält Millionen aus Werbekonzessionen. Ein Verbot würde diese Einnahmen vernichten.
Die Stadt Zürich erhielt 2023 für Konzessionen auf öffentlichem Grund sowie für den direkten Verkauf von Werbeflächen 19,7 Mio. Franken. Dies waren 0,18 % der Erträge der Stadt Zürich. Seither hat sich das Einnahmeverhältnis kontinuierlich verkleinert. Unsere Meinung ist, dass die Gemeinde stabil mittels Steuern und Gebühren finanziert werden soll, nicht durch den Ausverkauf des öffentlichen Raumes.
Die Stadt gibt jährlich mehrere hundert Millionen Franken für die Aufwertung des öffentlichen Raumes sowie für Massnahmen zur Reduktion der Treibhausgasemissionen aus. Übermässige Werbeflächen an sich, wie auch die Inhalte der meisten kommerziellen Werbungen, laufen diesen Ausgaben zuwider.
Die meisten Werbeflächen stehen im Übrigen auf privatem Grund. Bei diesen profitiert die Öffentlichkeit nicht; lediglich die Grundeigentümer erhalten eine Mietgebühr von den Plakatgesellschaften.
Schliesslich möchten wir den Blick auch darauf richten, woher die Gelder kommen. Die Aufwendungen für Werbungen werden vollumfänglich auf die Produktpreise abgewälzt. Letztlich bezahlen wir also als Konsument:innen die Werbung.
Arbeitsplätze
Einschränkungen der Werbung gefährden Arbeitsplätze in der Werbebranche.
Das Argument des Erhalts der Arbeitsplätze wird bei fast jeder politischen Debatte eingebracht – üblicherweise von jenen Kreisen, die sich nicht davor scheuen, stets Arbeitsplätze abzubauen, um ihre Gewinne zu maximieren. Niemand hat sich beklagt, als die Werbebranche begonnen hat, mit Bildschirmwerbung Plakateur:innen und Druckereien obsolet zu machen.
Fakt ist: Die Werbebranche ist stark im Umbruch. Die von uns vorgeschlagenen Änderungen werden schrittweise über Jahre hinweg umgesetzt, während welcher sich sowieso Verschiebungen ergeben werden. Es bleibt genügend Zeit für die Marktteilnehmenden, sich an die neuen gesellschaftlichen Rahmenbedingungen anzupassen. Bereits heute ist es so, dass nur etwa 1 % der Schweizer Unternehmen überhaupt Aussenwerbung buchen.
Werbeagenturen sind diversifiziert, bezüglich Kanäle (Aussenwerbung, Print, Online usw.) und Branchen. Keine Agentur macht nur Bildschirmwerbung für die Stadt Zürich, keine Agentur macht nur Werbung für klimaschädliche Produkte. Und wenn doch, ist es höchste Zeit, das Geschäftsmodell zu überdenken.
Verlagerung in den Online-Werbemarkt
Weniger Aussenwerbung führt nur dazu, dass Werbebudgets in Online-Kanäle verlagert werden – zum Vorteil von US-Tech-Konzernen.
Wie viel Online-Werbung gezeigt wird, hängt vom Entscheid der Anbieter eines Online-Produkts ab. Die Situation der Aussenwerbung in der Stadt Zürich beeinflusst diesen nicht. Statt einer Abwanderung in den digitalen Raum könnte es auch sein, dass stattdessen wieder mehr Zeitungsinserate gebucht werden. Prognosen dazu bleiben spekulativ, in jede Richtung.
Es gibt jedoch einen grossen qualitativen Unterschied zwischen Aussen- und Online-Werbung: Wenn wir uns bei einem Online-Angebot von übermässiger Werbung belästigt fühlen, haben wir die Wahl, die Website oder die App nicht zu nutzen. Personen, denen es besonders schwer fällt, Werbung zu ignorieren, stehen in der digitalen Welt zudem technische Möglichkeiten zur Verfügung, diese auszublenden. Im öffentlichen Raum geht das nicht.
Unser gemeinsamer, öffentlicher Raum soll ein Ort der Begegnung sein, ein Ort, an dem wir gerne sind. Und es ist ein Ort, den wir auch nicht meiden können, wenn wir mobil sein wollen.
Plakatwerbung als künstlerisches Kulturgut
Plakate haben einen hohen künstlerischen Wert – in Zürich gibt es sogar ein Museum, das sich ihrer Gestaltung widmet.
Es mag immer wieder Gestaltungen von Plakaten geben, welche künstlerisch sehr gelungen und deshalb als Vorbild für die Branche gelten. Wir haben auch nichts dagegen, dass diese im Museum ausgestellt werden. Gerade dies zeigt aber, dass eine ansprechende Gestaltung die Ausnahme ist. In den letzten Jahrzehnten war es so, dass die gestalterisch besten Plakate meist für kulturelle Veranstaltungen oder Institutionen geworben haben. Das gilt es zu stärken.
Wir wollen weiterhin Werbeplakate. Besonders jene für Veranstaltungen, für gemeinnützige Organisationen und für das lokale Kleingewerbe sind bei uns unbestritten. Es gibt weiterhin genügend Möglichkeiten für den kreativen Ausdruck von Werbetreibenden. Und wenn wir weniger kommerzielle Werbung haben, können wir einige der Plakatwände auch Künstlerinnen und Grafikern zur freien, temporären Gestaltung überlassen, ohne dass auf ihnen etwas angepriesen wird.
Meinungsäusserungsfreiheit
Die Regulierung von Werbebildschirmen und Plakaten schränke die Meinungsäusserungsfreiheit ein.
Wir fordern eine Reduktion der kommerziellen Werbung, insbesondere jener für stark umweltschädliche Angebote. Wir fordern keine Einschränkung für politische oder religiöse Werbung.
Tatsächlich ist es jedoch so, dass die Plakatierungsfirmen selbst die Meinungsäusserungsfreiheit einschränken, indem sie ihnen unliebsame politische Meinungen den Aushang verweigern. Hier eine Auswahl:
- [Goldbach Neo verweigert der Alternativen Liste](https://al-zh.ch/blog/2025/11/tx-group-schraenkt-meinungsaeusserungsfreiheit-ein/) seit 2025 den Aushang von Plakaten wegen Uneinigkeit mit ihrer Politik. - [APG weigerte sich 2024, eine Anzeige der IG Plakat-Raum-Gesellschaft](https://www.infosperber.ch/wirtschaft/die-plakatgesellschaft-uebt-zensur/) zu schalten, die sich kritisch zu Werbebildschirmen äusserte. - SBB und APG verweigerten 2009 den Aushang eines Pro-Palästina-Plakats im HB Zürich; das Bundesgericht kassierte das Aushangverbot als verfassungswidrig ([Entscheid 2C_415/2011](http://relevancy.bger.ch/php/aza/http/index.php?highlight_docid=aza%3A%2F%2F03-07-2012-2C_415-2011&type=show_document)).